Ambrosia artemisiifolia


“Was für eine hübsche Pflanze.” hört man nicht selten, wenn vom Beifußblättrigen Traubenkraut die Rede ist, besser bekannt in Europa unter dem Namen Ambrosia. Ambrosia ist eine Pflanzenfamilie, gemeint ist aber im Normalfall dieses Pflänzchen:

Common Ragweed leaf

Common ragweed leaf; CC-licensed, von Homer Edward Price

Wobei “Pflänzchen” dem Gewächs keineswegs gerecht wird – ein ausgewachsener Ambrosiastauden erreicht gut und gerne mal 180 cm Höhe.

Bei “hübsche Pflanze” möchte ich immer denjenigen würgen von dem sowas kommt. Ambrosia, in Amerika als ragweed bekannt, ist einer der übelsten Einwanderer aus fremden Landen. Warum? Ambrosia hat hoch aggressive Pollen, die bei Menschen nicht bloss Heuschnupfen, sondern auch bei bereits geringer Exposition Asthma auslösen können. Die Australier bezeichnen das Gewächs (dessen Pflanzensaft übrigens stark giftig ist) auch als “asthma plant”.

Noch vor ein paar Jahren gab es Ambrosien hauptsächlich in den wärmeren Gefilden Süddeutschlands, rund um den Bodensee etwa. Noch vor ein paar Jahren endete die Allergisches-Asthma-Saison für mich Mitte August. Dank Ambrosia geht sie nun bis zu den ersten starken Frösten weiter, wenn ich Pech habe bis Dezember.

Im vergangenen Jahr habe ich Mitte November in Nordniedersachsen fast flächendeckend Waldränder komplett mit Ambrosia bewachsen vorgefunden; schaut man auf die Verbreitungskarten von vor ein paar Jahren, sah das noch ganz anders aus. Forderungen wie diese auf ambrosia.info klingen da geradezu lächerlich:

Um eine Zunahme der volkswirtschaftlichen Schäden durch Krankheitskosten und Bekämpfungsmaßnahmen zu vermeiden, muss die weitere Ausbreitung der Beifuß-Ambrosie in Deutschland verhindert werden

2008 bemerkte bereits der FOCUS, dass in 85% aller deutschen Landkreise Ambrosia nachgewiesen werden konnte. Sehr schön auch die Empfehlung der Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz in eben jenem Artikel:

Ambrosia-Pflanzen sollten möglichst vor der Blüte mit der Wurzel ausgerissen und im Hausmüll entsorgt werden.

Würden wir von drei Pflänzchen reden, wäre das vielleicht eine Option – allerdings eine gefährliche. Die englischsprachige Wikipedia warnt:

Manually uprooting ragweed, sometimes shown in the media for public awareness purposes, promises more than it can deliver. It is ineffective, and skin contact may cause the onset of full-blown hay fever symptoms in persons with latent ragweed hypersensitivity.

Tatsächlich erweisen sich die meisten Versuche der Pflanze beizukommen als relativ erfolglos, einschliesslich Abbrennen.

Vor ein paar Jahren hat man hier in HH noch versucht, der Ambrosia mit Freiwilligen durch Ausreiss-Wandertage beizukommen; heute steht sie an fast jeder Verkehrinsel, entlang der Alster, in den Parks, entlang der Wanderwege… Der Kampf ist aber schon längst verloren.

Warum hat sich Ambrosia so stark verbreitet? Die Pflanze stammt aus Nordamerika; sie fühlt sich auf kargen Böden und an Schutthalden und auf Brachland aller Art sehr wohl.

Bei Ambrosia.de kann ich lesen:

In Deutschland ist Ambrosia bislang aber noch selten und meist in kleineren, unbeständigen Populationen anzutreffen.

Das dürfte eher als historisch anzusehen sein, siehe auch oben; bei meinen Ausflügen nach Wismar (wo viele der Bilder entstanden sind) und an verschiedene Orte Schleswig-Holsteins und Mecklenburg-Vorpommerns wurde überdeutlich, dass Ambrosia schon längst keine Randerscheinung mehr ist. In Neubaugebieten in Hamburg sieht man sie ebenfalls überall.

Ambrosiasamen sind mit dem globalen Warenverkehr (so kann man es allerorten lesen) nach Europa gekommen; unter anderem wohl mit Vogelfutter. Eine einzige Pflanze kann bis zu 1 Milliarde Pollen produzieren, und diese fliegen bis zu 100 km weit – kein Wunder, dass der Pflanze ein rasanter Marsch durch die deutschen Landschaften gelungen ist, zumal sie so gut wie keine Freßfeinde hat. Und bereits 6 Ambrosia-Pollen pro Kubikmeter Luft gelten als bedenklich bis allergie-triggernd. In 100 Meter Umkreis um meinen Wohnort stehen genug Stauden, um diesen Wert jederzeit problemlos zu überschreiten.

Auch wer bisher noch nie Heuschnupfen hatte, kann unter Ambrosia leiden – in den USA ist Ragweed das Allergen Nr. 1. Die Blütesaison beginnt hier in Norddeutschland Anfang bis Mitte August. Den Stauden nach zu urteilen die ich vor ein paar Tagen in Wismar gesehen habe, ist das dieses Jahr wohl etwas früher, die Blüten stehen kurz vor der Öffnung. Dem Pollenflugbericht nach zu urteilen geht es ebenfalls los.

Solltet Ihr also in den kommenden Wochen schlapp und atemlos sein, könnte es nicht nur mit der Hitze zu tun haben, sondern auch mit dem hübschen Pflänzchen.

Leider gibt es kaum noch Gebiete mit einem gemässigten Klima, in denen es keine Ambrosia gibt – ich sollte wohl doch über die Kanarischen Inseln oder Asien als Wohnort nachdenken…

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